WIK diskutiert Rahmenbedingungen und Finanzierungsoptionen für den Netzausbau

Unter dem Titel „Netzausbau für die Energiewende: Regulierung, Finanzierung und Realisierung" hat das WIK am 9. Mai 2012 im Gustav-Stresemann-Institut in Bonn die jährlich stattfindende Infrastrukturkonferenz netconomica ausgerichtet. Die Konferenz hatte zum Ziel, die Möglichkeiten der Finanzierung zu diskutieren und damit verbundene Chancen und Herausforderungen aufzuzeigen. Ein Fokus lag auf dem Aspekt, inwieweit das regulatorische Umfeld und marktliche Finanzierungskonzepte miteinander harmonieren. Auch in diesem Jahr konnten hochkarätige Referenten gewonnen werden. Neben Akteuren aus der Energiewirtschaft trugen Experten aus der Finanz- und Immobilienwirtschaft ihre Ideen und Konzepte zum Thema „Netzausbau für die Energiewende: Regulierung, Finanzierung und Realisierung" vor.

Herausforderungen für Strom- und Gasnetze

Dr. Karl-Heinz Neumann, Geschäftsführer des WIK, hob zu Beginn der Veranstaltung vor rund 40 Teilnehmern in seiner Begrüßung hervor, dass er in der Finanzierung des Netzausbaus eine der größten Herausforderungen der Energiewende sehe. Dafür erforderlich sei der passende Rahmen, um Investitionen anzureizen und in die richtigen Kanäle zu lenken. Dies wecke auch das Interesse institutioneller Anleger. Allerdings würden dadurch auch finanzwirtschaftliche Regularien jenseits des energiewirtschaftlichen Regulierungsrahmens relevant.

Achim Zerres, Leiter der Abteilung Energieregulierung bei der Bundesnetzagentur, steckte in seinem einleitenden Vortrag den Rahmen und die Perspektiven für den Netzausbau im Zuge der Energiewende ab. Mit der Novellierung des Energiewirtschaftsgesetzes und der Verabschiedung des Netzausbaubeschleunigungsgesetzes erhält die Bundesnetzagentur neue Zuständigkeiten im Zusammenhang mit dem Ausbau der Höchstspannungsnetze. Er unterstrich, dass es sich bei Investitionen in Energienetze um ein langfristiges Engagement handle, das mit einer vergleichsweise attraktiven Eigenkapitalrendite belohnt würde. In diesem Zusammenhang betonte er auch, dass es das Ziel der Regulierung sei, den Investoren stabile Rahmenbedingungen vorzugeben und keine kurzfristigen Richtungsänderungen einzuschlagen.

Eric Ahlers, Abteilungsleiter Kaufmännisches Assetmanagement beim BDEW, beleuchtete die Herausforderungen des Netzausbaus aus Sicht der Stromnetzbetreiber. Er wies darauf hin, dass der Schwerpunkt des anstehenden Investitionsbedarfs im Verteilnetz liege und dass der notwendige Netzaus- und -umbau den Schlüssel für die Energiewende darstelle. Die Anreizregulierung müsse daher weniger auf Kosteneffizienz setzen, sondern vor dem Hintergrund der sich verändernden Rahmenbedingung angepasst werden. Als wesentliche Ansatzpunkte benannte er eine Korrektur des Zeitverzuges sowie Anpassungen beim Erweiterungsfaktor. Dr. Christoph von dem Bussche, Geschäftsführer der GASCADE Gastransport GmbH, zeigte das Spannungsfeld von Markt und Regulierung bei Investitionen in Gasnetze auf. Er verwies auf die Risiken, die die Regulierung im Hinblick auf Neuinvestitionen schaffe, insbesondere im Hinblick auf die Konstruktion des Effizienzbenchmarkings sowie des allgemeinen Produktivitätsfortschritts. Zur Verbesserung des Investitionsklimas unterbreitete von dem Bussche einen Lösungsvorschlag. Im Gegensatz zu einer einheitlich regulatorisch genehmigten Eigenkapitalverzinsung solle die Rendite vom Markt durch eine differenzierte Bewertung einzelner Investitionsprojekte bestimmt werden. Dies könne beispielsweise durch eine Auktionierung erfolgen. Dadurch würden die benannten regulatorischen Risiken vom Markt eingepreist.

Institutionelle Investoren und Bürger als Kapitalgeber

Zwei wichtige Aspekte der Konferenz waren die Einschätzung institutioneller Investoren sowie neue Beteiligungsmöglichkeiten am Netzausbau. Zunächst referierte Dr. Oliver Voß, Leiter Research bei der IVG Immobilien AG, zu den Chancen der Energiewende im Hinblick auf Infrastrukturinvestitionen. Diese Asset-Klasse bilde sich als neues Investitionsfeld heraus, da traditionell risikoavers ausgelegte Assetklassen (z.B. Staatsanleihen) durch die Finanzkrise an Attraktivität verlören. Grundsätzliche Vorteile bei Investitionen in Strom- und Gasnetze sah er insbesondere in der staatlich genehmigten Rendite und den regulatorisch determinierten und somit stabilen Cash-Flows. Allerdings bezog er die Vorteile vornehmlich auf Investitionen in Bestandsnetze. Investitionen in Netzausbau sah er mit deutlicheren Risiken behaftet, die unter anderem getrieben seien durch langwierige Genehmigungs- und Planungsverfahren aber auch lokale Widerstände in der Bevölkerung und sich ändernde politische Rahmenbedingungen.

Einblicke in die Sichtweise bereits im Bereich Energienetze aktiver Investoren boten überdies Michael Seidel, Bereich Structured Investments, und Stefan Mattiske, Bereich Konzeption und Vertrieb institutionelle Investoren bei der Commerz Real AG. Seidel unterstrich, dass institutionelle Investoren langfristige und rentable Anlagemöglichkeiten mit sicherer Rendite suchten. Der Staat habe es in der Hand, mit verlässlichen Rahmenbedingungen für die Einspeisung von Energie und für die Netzregulierung Grundlagen für Investitionen zu schaffen. Zur Zeit gebe es aus Investorensicht Unsicherheiten hinsichtlich sich ändernder Rahmenbedingungen. Im Gegensatz zu den Ausführungen von Dr. Voß schätzten die Referenten der Commerz Real Investmentmaßnahmen im Zuge des Netzausbau weniger kritisch ein.

Ein innovatives, privat initiiertes Modell zur Finanzierung und Realisierung des Netzausbaus erläuterte Dr. Martin Grundmann am Beispiel der Bürgernetzgesellschaft „Grünes Bürgernetz". Die Bürgerbeteiligung stellt ein neues Finanzierungskonzept dar, welches gleichzeitig lokale Widerstände am Netzausbau ausräumen soll, da die Bürger an den Netzerlösen partizipieren. Grundmann unterstrich dazu in seinen Ausführungen, dass er das Problem beim Netzausbau weniger in der Finanzierung, sondern vielmehr in der Akzeptanz der lokalen Bevölkerung sehe.

Podiumsdiskussion: Stabile Rahmenbedingungen als Petitum

Im Anschluss an die Vorträge eröffnete Dr. Andrea Schweinsberg, Abteilungsleiterin der Abteilung Energiemärkte und Energieregulierung des WIK, die Podiumsdiskussion. Die Leitfrage „Gehen regulatorisches Umfeld und marktliche Finanzierungskonzepte Hand in Hand?" bildete den Diskussionsrahmen. Dieser unterteilte sich weiter in die Blöcke Regulierung und Realisierung/Akzeptanz.

Zu den Teilnehmern zählten Eric Ahlers (BDEW) Dr. Martin Grundmann (ARGE Netz GmbH & Co. KG) Michael Seidel (Commerz Real AG) sowie Björn Spiegel (Fachgebietsleiter Energiepolitik des Wirtschaftsrats der CDU e.V.).

Die Teilnehmer wurden gebeten, in einem Eingangsstatement zu benennen, wo sie die größten Herausforderungen beim Netzausbau sehen. Björn Spiegel hob hervor, dass er diese zum einen in der Anbindung von Offshore-Windparks (insbesondere Haftungsfragen und die damit verbundene Umlegung der Kosten) und zum anderen in der fortschreitenden Rekommunalisierung sieht. Diese führe zu einer weiteren Zersplitterung der Verteilnetze und einer zunehmenden Verschuldung der Kommunen. Durch Zusammenschlüsse auf Verteilnetzebene könnten hingegen Effizienzen gehoben werden. Ahlers betonte erneut, dass die Herausforderung in einer Anpassung des Regulierungsrahmens liege. Für Seidel besteht die Herausforderung darin, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass eine angemessene Kapitalisierung der Unternehmen möglich ist. Aus Sicht von Grundmann muss der Netzausbau als gesellschaftliches Projekt betrachtet werden, das von der breiten Masse getragen und gleichzeitig von ihr auch bezahlt werden muss.

Im Diskussionsblock zur Regulierung herrschte allgemeiner Konsens auf dem Podium, dass die Regulierung im Grundsatz einen adäquaten Rahmen bilde, einzelne Stellschrauben jedoch der Nachjustierung bedürften. Eric Ahlers hob in diesem Zusammenhang hervor, dass für ihn das Rendite-Risiko-Verhältnis entscheidend sei. Löse man das Rendite-Problem, löse man auch das Finanzierungsproblem beim Netzausbau. Außerdem müsse die Komplexität der Regulierung reduziert werden, so Grundmann. Es wurde das grundsätzliche Problem gesehen, dass eine Unsicherheit dahingehend besteht, wie Gesetzgeber und Regulierer agieren. Seidel betonte allerdings, dass die Netzebene für Finanzinvestoren durchaus interessant sei und umgekehrt Netzbetreiber institutionelle Investoren als Partner akzeptieren würden.

Im zweiten Diskussionsblock herrschte Einigkeit darüber, dass die Akzeptanzfrage ein bedeutendes Thema ist. Insbesondere länderübergreifende Netzausbauvorhaben müssten besser koordiniert werden und der Zeithorizont der Planungsverfahren müsse reduziert werden. Bürgernetzgesellschaften seien ein spannender Ansatz, um die lokale Bevölkerung einzubinden. Allerdings gab es hierzu auch kritische Stimmen. Eine weitere Regionalisierung könne die Anzahl der beteiligten Behörden und somit auch die Komplexität weiter erhöhen. Seidel führte zu diesem Themenfeld an, dass für einen Investor nach der Bereitstellung von Kapital die tatsächliche Realisierung des Netzausbaus oftmals nicht abzuschätzen sei. Hier gebe es durchaus Verbesserungspotenzial hinsichtlich der Koordination und der Geschwindigkeit.

Die netconomica 2012 war während des gesamten Tages durch intensive und lebendige Diskussionen gekennzeichnet, wofür sich Frau Dr. Schweinsberg bei allen Referenten und Teilnehmern bedankte. In ihren Schlussworten resümierte sie, dass es mit der netconomica gelungen ist, einen wichtigen Beitrag zur Diskussion möglicher Finanzierungskonzepte für den Netzausbau zu leisten. Die Konferenz habe gezeigt, dass das regulatorische Umfeld aus Investorensicht einen angemessenen Rahmen für den Netzausbau schaffe, an einzelnen Stellen jedoch eine Nachjustierung diskutiert werden müsse. Eine Stabilität der grundsätzlichen Rahmenbedingungen sei jedoch essentiell. Unabdingbar sei darüber hinaus eine breite gesellschaftliche Akzeptanz.

Siehe auch: Pressemitteilung vom 09.05.2012

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