Workshop zur Breitbandversorgung von KMU am 22. Februar 2016 im BMWi in Bonn

Am 22. Februar 2016 veranstaltete das WIK beim BMWi in Bonn einen Workshop im Rahmen des BMWi-Zuwendungsprojekts zum WIK Forschungsschwerpunkt Digitalisierung/Vernetzung und Internet. Im Mittelpunkt des Workshops stand die Frage, wie es um die Nutzung und das Angebot digitaler Dienste für gewerbliche Nachfrager aus dem KMU Segment bestellt ist.

Ausgangspunkt der Veranstaltung ist eine Studie mit dem Titel „Markt- und Nutzungsanalyse von hochbitratigen TK-Diensten für Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft in Deutschland", die das WIK für das BMWi aktuell erstellt. Im Rahmen des Workshops stellte das WIK erste Studienergebnisse vor und diskutierte diese mit etwa 20 Vertretern von Anbieter- und Nachfrageseite (darunter Netzbetreiber, Anbieterverbände, IHK, Wirtschaftsförderung). Das Ziel des Workshops bestand darin, mögliche Förderansätze für die Nutzung digitaler Dienste durch KMU unter Einbeziehung aller relevanten Perspektive zu beleuchten.

Dr. Peter Knauth (BMWi) begrüßte die Teilnehmer und erörterte Hintergrund und Ziel der Veranstaltung. Er verwies auf die Notwendigkeit, auch im Hinblick auf die Bandbreitenversorgung perspektivisch zu denken und dabei die Anforderungen der Wirtschaft im Blick zu haben. Die Rolle des BMWi bestehe darin, Infrastrukturförderung durch das BMVi in dieser Hinsicht sinnvoll zu ergänzen. Er betonte, dass die Fragestellungen komplexer geworden seien und die Gestaltung der zukünftigen Politik zusätzlichen Input benötige. Daher seien die Erfahrungen der Teilnehmer hilfreich für die Erarbeitung von Lösungsansätzen.

Dr. Christian Wernick (WIK) stellte anschließend die zehn Kernthesen der Studie vor. Er hob hervor, dass KMU die Digitalisierung als Chance begreifen müssen, um ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und damit auch den Standort Deutschland langfristig zu sichern. Bisher behindere jedoch zum einen die mangelnde Verfügbarkeit leistungsfähiger Infrastruktur und zum anderen das gering ausgeprägte Bewusstsein für die Vorteile digitaler Anwendungen eine stärkere Nutzung durch KMU. Es bestehe dringender Handlungsbedarf, bedarfsgerechte - vorzugsweise FTTB/H-basierte - Anschlüsse auszubauen und KMU den Mehrwert der Digitalisierung noch wesentlich stärker zu verdeutlichen.

Dr. Sonia Strube Martins (WIK) erörterte in ihrer Präsentation das vielfältige Anwendungsspektrum und die Technologietrends, die die Nachfrage gewerblicher Nutzer zukünftig prägen werden. Sie betonte, dass die Digitalisierung neben einer starken Nachfrage nach hohen Bandbreiten im Upload und Download auch hohe Qualitätsanforderungen bezüglich Paketverlusten und Latenz stellen wird. In der anschließenden Diskussion wurde seitens der Teilnehmer darauf hingewiesen, dass KMU häufig nur unzureichende Kenntnis über die Charakteristika und Potentiale digitaler Dienste haben. Da das KMU-Segment sehr heterogen ist, sei hier eine bedarfsgerechte Ansprache und Versorgung erforderlich.

Dr. Christian Bender (WIK) wies darauf hin, dass glasfaserbasierte Technologien erforderlich sind, um die Potentiale der Digitalisierung tatsächlich realisieren zu können. Er zeigte auf, dass KMU einen schlechteren Zugang zu hohen Bandbreiten haben als große Unternehmen oder private Haushalte. Anschließend ging er auf die Marktstrukturen im Geschäftskundensegment ein und stellte anhand der Listenpreise dar, dass das Preisniveau deutlich über dem von Privatkunden liege. Schließlich wies er auf die Gefahr eines „Teufelskreises" aufgrund der Kombination aus mangelnder Verfügbarkeit und fehlender Zahlungsbereitschaft hin.

In der anschließenden Diskussion betonten Anbieter, dass das Preisniveau in der Praxis deutlich unter den Listenpreisen liege. Vertreter der Nachfragerseite stellten jedoch heraus, dass auch im Geschäftskundensegment mit Blick auf die Entstörung und Servicequalität noch starker Verbesserungsbedarf gegeben sei. Die Breitbandanbindung von Gewerbeparks wurde ebenfalls kontrovers diskutiert und gesetzliche Regelungen gefordert, die vorschreiben, dass neu entstehende Gewerbestandorte direkt mit Glasfaser erschlossen werden müsse. Zudem wurde beklagt, dass gewerblichen Nachfragern in der öffentlichen Debatte zu geringe Priorität eingeräumt würde.

Nach der Mittagspause ging Dr. Christin Gries (WIK) auf die nationale und internationale Breitbandförderung ein. Sie wies darauf hin, dass Breitbandförderung derzeit überwiegend als Deckungslückenmodell umgesetzt wird, auch wenn Betreibermodelle mehr Spielraum für den langfristig ausgerichteten FTTB/H-Ausbau bieten. Im Ausland gäbe es nicht nur Beispiele für einen kommerziell tragfähigen FTTB-Ausbau unterschiedlich ausgerichteter Betreiber, sondern auch Anregungen für die Ausgestaltung KMU-bezogener Breitbandförderung. In diesem Zusammenhang seien insbesondere Ansätze zur Bezuschussung von Breitbandanschlüssen von KMU hervorzuheben, die im Vereinigten Königreich und in Singapur umgesetzt wurden.

Anschließend fand unter Moderation von Dr. Iris Henseler-Unger (WIK) eine Paneldiskussion statt, an der Klaus Müller (Deutsche Telekom), Marco Goymann (Versatel), Tim Kraft (Wirtschaftsförderung Kreis Altenkirchen), Pauline Hagenbucher (Wirtschaftsförderung Troisdorf), Dr. Michael Menrath (BMWi) teilnahmen.

Paneldiskussion "Wie kann die gewerbliche Nutzung digitaler Dienste in Deutschland gefördert werden?"

vlnr: Dr. Michael Menrath, Pauline Hagenbucher, Marco Goymann, Tim Kraft, Klaus Müller, Dr. Iris Henseler-Unger

Herr Müller betonte, dass die Telekom Deutschland GmbH jährlich etwa ein Fünftel der ca. 22 Mrd. Euro Jahresumsatz in den Infrastrukturausbau investiere und dabei eine integrierte Netzstrategie verfolgt, die auf LTE, Vectoring und den Ausbau von FTTB/H setzt. Herr Goymann äußerte den Wunsch nach klaren politischen Zielsetzungen mit Blick auf die Anbindung gewerblicher Nachfrager. Er schlug vor, als Ziel zu formulieren, dass bis 2020 80% der Unternehmen Zugang zu einem Glasfaseranschluss haben sollten.

Herr Kraft legte dar, dass im Kreis Altenkirchen als ländlichem Raum privatwirtschaftlich überhaupt nicht in Breitband investiert worden wäre. Die Wirtschaftsförderung sei bereits seit einiger Zeit unter Nutzung öffentlicher Mittel im Breitbandaufbau aktiv, wobei sehr unterschiedliche Ansätze genutzt wurden mitunter auch unter starkem Engagement einzelner Bürger. Frau Hagenbucher berichtete, dass die Grundversorgung in Troisdorf zwar gut sei, aber dass es im Stadtgebiet trotzdem Standorte gibt, an denen nur sehr geringe Bandbreiten verfügbar seien. Sie betonte, dass derzeit zwar nicht alle Unternehmen die hohen Bandbreiten benötigen würden, dass die Breitbandverfügbarkeit aber für die zukünftige Standortattraktivität eine extrem wichtige Rolle spielen werde.

Herr Dr. Menrath führte schließlich aus, dass Bandbreiten exponentiell wachsen und die Digitalisierung sich nicht aufhalten lasse. Er unterstrich, dass die Breitbandversorgung von gewerblichen Nachfragern für das BMWi ein extrem wichtiges Anliegen darstellt.

In der Diskussion bestand Einigkeit darin, dass das Bewusstsein der Unternehmer für digitale Dienste noch wenig ausgeprägt sei und hier noch ein hoher Bedarf an Information und Beratung bestehe, der u.a. durch die Orientierung an gut erprobten Best Practice Beispiele gedeckt werden kann.

Es wurde darauf hingewiesen, dass noch große Unsicherheit bei den KMU bestünde, was die Kernfragen des digitalen Wirtschaftens betrifft. Bei der Umsetzung stellen sich insbesondere Fragen der IT-Sicherheit, aber auch Haftungsfragen und formaljuristische Fragen.

Seitens der Vertreter der Nachfrageseite wurde die mangelnde Verbindlichkeit der Aussagen im Rahmen der Markterkundungsverfahren kritisiert vor dem Hintergrund, dass häufig genau dann privatwirtschaftliche Ausbauten erfolgen würden, wenn Kommunen einen Ausbau in Eigenregie starten – trotz anderslautender Aussagen im Markterkundungsverfahren.

In einer Schlussrunde wurde deutlich, dass die zehn Thesen der WIK-Studie im Panel auf Zustimmung treffen. Herr Kraft, Herr Goymann und Frau Hagenbucher sprechen sich darüber hinaus für eine Förderung der Anschlusskosten für KMU aus, beispielsweise im Stile eines „Voucher-Systems" nach dem Vorbild des in Großbritannien praktizierten Systems.

Dr. Peter Knauth schloss die Veranstaltung, indem er die wichtige Rolle der Akteure und Multiplikatoren für die gegenwärtig anstehende Entwicklung von Förderansätzen zu einer bedarfsgerechten Versorgung von KMU betonte und den Teilnehmerkreis aufrief, weiterführende Vorschlägen und Ideen auch im Nachgang zum Workshop beim Ministerium zu platzieren.

Dr. Christian Wernick
Tel.: +49 2224 9225-92
Fax: +49 2224 9225-68
c.wernick(at)wik.org

Dr. Christin-Isabel Gries
Tel.: +49 2224 9225-52
Fax: +49 2224 9225-68
c.gries(at)wik.org

Dr. Christian Wernick
Dr. Christian Bender
vlnr.: Tim Kraft, Dr. Henseler-Unger, Dr. Michael Menrath